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Es war Anfang der 60iger Jahre. Der Dalai Lama war erst vor kurzem aus Tibet nach Indien geflohen. Er gab zum ersten Mal Besuchern aus dem Westen eine Audienz. Einer von ihnen
brachte vor, dass er unter einem Mangel an Selbstwertgefühl litt. "Worunter leidest du?" fragte der Dalai Lama nach. Der Besucher versuchte es zu erklären, doch der Dalai Lama
konnte ihm nicht folgen. Schließlich ging er von einem zum andern in der Gruppe und fragte, ob sie auch dieses Gefühl kannten. Fast jeder sagte ja. Der Dalai Lama staunte. Ihm war
es völlig fremd, wie sich jemand minderwertig fühlen könnte.
Eckhart Tolle erzählte diese Geschichte auf dem Retreat in Rishikesh und fügte hinzu: Selbst die hässlichste Katze hat keine Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl. Warum also
ausgerechnet wir Menschen? Vor allem wir moderne Menschen, die überwiegend im Kopf leben?
Der Grund ist, dass wir überwiegend im Kopf leben. Wir identifizieren uns nämlich nicht mit unserem Sein, was natürlich wäre, sondern mit unserem Denken und Fühlen. Wir schaffen
sozusagen von Kindheit an ein geistiges Bild von uns aus dem, was wir denken, fühlen und tun - und glauben dann, dass wir dieses Bild sind. Das Ergebnis ist ein falsches Selbst,
das in der Tat nicht viel wert ist. Es lässt uns unser wahres Wesen vergessen und zwingt uns unaufhörlich zu denken, denn dieses Phantom Selbst oder Ego, wie Eckhart es nennt,
lebt von Gedanken. Es ist ein reines Gedankenprodukt. Und es liebt Konflikte, Drama und Feinde, auch wenn es behauptet, Frieden zu wollen. Konflikte und Feinde geben ihm nämlich
Gelegenheit, sich als Einzelkämpfer zu fühlen und groß und stark zu werden. Außerdem hält sich das Ego fast nur in der Vergangenheit oder Zukunft auf, denn es definiert sich über
die Vergangenheit und hofft auf Erfüllung in der Zukunft. Die Gegenwart betrachtet es als ein unerwünschtes Hindernis auf dem Weg in die Zukunft.
Auch Eckhart war fast 30 Jahre lang mit einem Phantom Selbst identifiziert gewesen, das ihm schwer zu schaffen machte. Er war sogar so depressiv, dass er an Selbstmord dachte.
Eines Nachts (er war damals 29) drehte sich in seinem Kopf immer wieder derselbe Gedanke: "Ich kann mit mir nicht mehr länger leben". Plötzlich hielt er inne: "Ich mit mir? Bin
ich einer oder zwei?" Diese seltsame Überlegung erstaunte ihn so sehr, dass seine Gedanken plötzlich bei vollem Bewusstsein stoppten. Er fühlte sich zuerst in einen Energiestrudel
und danach in eine Leere gesogen. Er ließ sich in sie ohne Widerstand fallen.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, war seine Welt verändert. Alles war frisch und wie neu geboren. Er fühlte sich mit etwas Unermesslichem verbunden und tiefsten Frieden und
Glück. Er ging durch die Stadt, staunend über das Wunder vom Leben auf Erden. Die Verbindung zum depressiven Eckhart war gerissen. Er war nur noch einer. Das Phantom Selbst hatte
seinen Geist aufgegeben. Welch eine Erleichterung!
Die meisten Leute ertragen tagtäglich ein "sich"', mit dem sie, wäre es eine andere Person, keinen einzigen Tag zusammenleben würden, meint Eckhart. Sie sprechen sich sogar mit
"du" an. "Schau nur, wie du dich wieder angestellt hast", zum Beispiel. Manche versuchen, sich zu verbessern und kleben Sticker auf: "Ich bin okay" oder so ähnlich. Das hilft nur
begrenzt, glaubt Eckhart. Doch es gibt eine Lösung: Bleib im Jetzt, rät Eckhart eindringlich. Das Jetzt, dieser jetzige Moment, hält den Schlüssel zur Befreiung. Das Jetzt ist das
Wichtigste überhaupt, denn im Jetzt entfaltet sich das ganze Leben. Das Leben ist immer nur Jetzt. Wenn du voll gegenwärtig im Jetzt bist, verflüchtigen sich alle Probleme,
zusammen mit dem Phantom Selbst, das Vergangenheit und Zukunft braucht. Nur jetzt lässt sich fühlen, wer du wirklich bist: Etwas Unermessliches, Unzerstörbares. Eckhart nennt es
am liebsten 'Sein', denn man kann sich unter diesem Begriff schwer etwas Konkretes vorstellen. Und er bittet, keine Konzepte zu formen. 'Sein' lässt sich nämlich nicht mit dem
Kopf verstehen, doch es lässt sich als unser innerstes Wesen fühlen. Und Erleuchtung ist, sagt Eckhart, wenn wir Sein wieder bewusst fühlen und in diesem Zustand verweilen. Es ist
unser natürlicher Zustand, mit dem eine große Seins-Freude und tiefer Frieden, aber auch starke Vitalität und Wachheit einhergehen.
Eckhart erwähnt die alte indische Analogie von der Welle und vom Meer: Wir erleben uns derzeit als Welle und sehen vor lauter andern Wellen überhaupt kein Meer. Wir kämpfen ums
Überleben und haben Angst, denn die Gefahr, dass die Welle vergeht, ist real. In jedem Moment entstehen und vergehen Trillionen von Wellen auf dem Meer. Sie sind Formen an der
Oberfläche und im Grunde nichts anderes als das eine Meer. Sobald eine Welle tief in sich geht, erkennt sie, dass sie unzerstörbar ist, eins mit dem unermesslichen Meer.
Die Welle war selbst dann, als sie sich allein und schwach fühlte, Angst vor dem Tod hatte und kein Meer sah, eins mit ihm. Die Verbindung lässt sich also direkt herstellen, nicht
erst irgendwann in Zukunft, denn die Welle ist das Meer. Wir sind das Sein - jetzt.
Eckhart sagt im Grunde nichts Neues, warum also drängen überall Menschen zu seinen Vorträgen – so viele, dass die Räume sich fast immer als zu klein erweisen? Seine Retreats sind
im Nu ausgebucht trotz der verhältnismäßig hohen Kosten. Und sein Buch "Jetzt - die Kraft der Gegenwart" ist selbst in Indien, der traditionellen Hochburg von spirituellen
Meistern, inzwischen auf der Bestsellerliste und sogar in Kleinstädten dort erhältlich.
Ich glaube, es gibt mehrere Gründe dafür. Zum einen hat selten jemand so klar und eindringlich vermittelt, welch ungeheuere Kraft und Bedeutung das Jetzt, der gegenwärtige Moment
hat, und wie enorm befreiend es ist, im Jetzt voll gegenwärtig zu sein. Zum anderen ist Eckhart einer der wenigen, die aus dieser Kraft der Gegenwart heraus sprechen, was im Raum
spürbar ist. Selbst in sein Buch ist diese Kraft geflossen, wie viele bestätigen.
Außerdem balanciert Eckhart geschickt auf der feinen Linie, die in der Spiritualität zwei Lager trennt: Spirituelle Lehrer, die vertreten, dass alles vorherbestimmt ist und das
Individuum folglich nichts tun kann, und deren Anhänger sich beruhigt zurücklehnen und das Leben zu genießen versuchen, soweit das eben möglich ist. Und auf der anderen Seite
spirituelle Lehrer, die die Hindernisse auf dem Weg zum Ziel aufzählen, und deren Anhänger sich ehrlich anstrengen sie zu überwinden und am Ende frustriert sind, weil sie sich
anscheinend nicht genug angestrengt haben.
Eckhart sagt, dass es eine "hilfreiche Perspektive" ist, zu denken, dass man die Wahl hat, jetzt gegenwärtig zu sein. Mehr ist nicht notwendig. Es reicht, "da" zu sein als der
Beobachter und nicht in Gedanken, Gefühlen und Reaktionen verloren zu sein. Auf diese Weise wird eine höhere Dimension von Bewusstsein aktiviert, und Gedanken und Gefühle
verlieren ihre Kraft. Die Identifizierung mit ihnen ist gebrochen. Doch es gilt: Nur beobachten und fühlen - nicht bewerten oder analysieren.
Eckhart geht sanft vor. Das Ego, sagt er, ist das unbeobachtete Denken und Fühlen in unserem Geist. Es bestimmt unser Leben völlig, solange wir nicht als das beobachtende
Bewusstsein gegenwärtig sind. Wir sind dann "nicht da" und reagieren unbewusst entsprechend den Strategien vom Ego. Die bedeutendste Strategie vom Ego ist, die Gegenwart zu
vermeiden und Erfüllung in der Zukunft zu suchen. "Bitte, liebes Jetzt, halt mich nicht auf. Ich bin auf dem Weg in die Zukunft", sagt das Ego zum gegenwärtigen Moment. Erfüllung
in der Zukunft ist natürlich nie möglich ist, denn die Zukunft ist genau wie das Ego ein Gedankenprodukt und nicht real. Die Zukunft kommt als Jetzt. Nur das Jetzt ist wirklich.
Und die kontinuierliche Fixierung auf die Zukunft, die für die meisten Menschen typisch ist, verhindert Erfüllung da, wo sie möglich ist: im jetzigen Moment. Eckhart hält diese
Fixierung auf die Zukunft für das beste Rezept, das ganze Leben lang unglücklich zu sein...
Jemand, der erleuchtet ist, hat den Hauptfokus seiner Aufmerksamkeit immer im jetzigen Moment. Er ist sich der Vergangenheit und Zukunft nur am Rande bewusst - nur soweit es nötig
ist, um im Alltag zu funktionieren. Erlaube es dem gegenwärtigen Moment so zu sein, wie er ist, und wünsch ihn dir nicht anders, bittet Eckhart. Sag ja zu ihm, denn er ist ja
schon und dann tu, was du für nötig hältst ohne Negativität. Das wird dein Leben auf wunderbare Weise transformieren. Das ganze Universum arbeitet dann nicht mehr gegen, sondern
für dich. Doch glaub das nicht, sagt Eckhart. Probiere es aus!
Solange wir lernen, im Jetzt präsent zu sein, sind Tipps hilfreich. Eckhart gibt einen äußerst wertvollen Tipp: Mach es dir zur Gewohnheit, so oft wie möglich deinen Körper von
innen zu fühlen, rät er. Der Körper ist nämlich immer in der Gegenwart. Nur das Denken zieht in die Zukunft oder Vergangenheit. Schau oft nach, wie du dich innerlich fühlst - auch
hier gilt: nur fühlen, nicht bewerten oder analysieren. Dieses Fühlen vom inneren Körper zentriert einen in der Gegenwart und gibt einen Geschmack davon, wie befreiend es ist, im
gegenwärtigen Moment präsent zu sein. Und wer erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, für den ist es leicht, bewusst die Gegenwart zu wählen. Die enorme Kraft der Gegenwart
fließt dann ins Leben und es bleibt nichts zu wünschen übrig.
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Maria Wirth ist freie Autorin und lebt in Indien.
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